Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen

Imgrund_Schmetterling-ebook-S

„Manchmal verirre ich mich. Manchmal verliere ich mich. Ich bin diese andere, aus der Zeit gefallen, aus der Haut gefahren, verrutscht, verrückt, nur noch daneben und in meinem Fremdkörper immer weniger: ich.“

Marie erinnert sich nicht daran, diese Zeilen geschrieben zu haben. Sie erinnert sich ohnehin an erstaunlich wenig: zu viele Lücken und Leerstellen in ihrem Leben und zu wenige Gewissheiten. Per Notkaiserschnitt hat sie einen toten Sohn zur Welt gebracht und kann keine weiteren Kinder bekommen. Fiebrig mäandert sie durch die Tage im Krankenhaus; nachts treibt sie in ihren Albträumen ein menschenäugiger Zitronenfalter in den Abgrund. Zusammen mit der Operationswunde bricht die Verlassenheit wieder auf, die sie seit ihrer Kindheit begleitet: „Ich bin die, die übrig bleibt.“

Ihr Heil sucht Marie auf dem Friedhof auf der anderen Straßenseite. Dort geht es lebendiger und launiger zu, als man meinen sollte, und sie trifft auf Menschen, die ebenso gestrandet sind wie sie. Doch sonderbar, es ist, als hätten Rose und Adrian, Siegfried und Gretel schon viele Jahre auf Marie gewartet. Ein gemeinsames Schicksal fesselt sie alle aneinander – ein Unglück, das all diese Leben aus der Bahn geworfen hat und das die kleine Marie nur durch Verdrängen überleben konnte. Ein Walpurgisnachtspicknick bringt die Wahrheit an den Tag, und Marie erkennt, wer Rose wirklich ist: „Du bist meine Mutter. Und du bist tot.“

Sie weilt unter Verstorbenen, denn sie steht selbst an der Schwelle des Todes – aus der Operationswunde hat sich eine lebensbedrohliche Infektion entwickelt. Und während man drüben im Krankenhaus noch um ihr Leben kämpft, ist sie schon weit weg, am „Dazwischenort“, wie Rose den Friedhof nennt. Marie muss sich entscheiden: Will sie dort bleiben, bei jenen, die ihr vorausgegangen sind, um nicht mehr übrig und allein zu sein? Oder will sie es noch einmal versuchen mit dem Leben?

Die Augen öffnet ihr Gretels Frage: „Hast du genug geliebt?“ Nein, hat sie nicht, denn neben Selbstmitleid, Groll und angestrengtem Vergessen war all die Jahre wenig Platz für Zuwendung und Zuneigung. Sie begreift, dass sie noch viel zu erledigen hat, drüben, jenseits des Friedhofs. Sie wird nicht das Leben bekommen, das sie sich so sehr gewünscht hatte, wird keine Kinder haben, die ihr das Gefühl geben, gebraucht zu werden. Doch es gibt viele mögliche Leben, die nicht weniger gut sind. Eines davon wird sie mit ihrem Mann Matti führen, in dem sie mit einiger Verspätung ihren Lebensmenschen erkennt.

Ein Roman, der nicht ohne Augenzwinkern die Grenzen verwischt zwischen Hüben und Drüben, Leben und Sterben. Seine Erkenntnis: Der Tod gehört ins Leben. Und in jedem Augenblick, bei jedem Atemzug dieses einen Lebens, das uns geschenkt ist, haben wir die Möglichkeit, uns neu zu entscheiden und noch einmal aufzubrechen. Damit wir am Ende – wenn es denn einmal da ist – nichts zu verdrängen haben. Und nichts zu bereuen.

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen 5,99 €